"Hüte dich davor, einem Drachen in die Augen zu schauen. Er wird dich in seinen Bann ziehen, und du musst ihm folgen, wohin er dich ruft." Rosa kennt die Warnung ihres Großvaters Jakob und weiß, welche Wunden der Drache in ihrem Bärendorf geschlagen hat. Aber ihre Welt ist in Ordnung und sie will Bodo heiraten, wenn Jakob endlich zustimmt. Doch dann sieht sie den Drachen Tumaros und ist von seiner Schönheit und Stärke fasziniert. Sie schweigt über ihre Gefühle, und als Jakob erkennt, dass der Drache es auf seine Enkelin abgesehen hat, ist es zu spät. Rosa blickt in Tumaros Augen und folgt seinem Ruf in die Drachenhöhle. Rosa scheint verloren, aber Bodo will nicht aufhören, an ihre Rückkehr zu glauben.

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Autorentext
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Leseprobe
Jakob

Der Finsterwald streckte sich bereits mit langen Schatten nach Jakob aus und Rosa war noch immer nicht zu Hause. Er stand von der Holzbank auf, ging ein paar Schritte auf und ab, hielt inne und sah den Mittelweg hinunter. Aber die erlösende Silhouette seiner Enkeltochter erschien nicht. Seufzend setzte der Bär sich wieder hin, schaute auf seine Pfoten, die eigentlich Hände waren, und begann aus Verzweiflung, die Finger zu zählen.

Mit einhundertfünfzig Jahren war er im besten Bärenalter. Nicht wenig Artgenossen wurden dreihundert. Er war hochgewachsen, hatte schwarzes Fell, und wenn er nicht saß, ging er aufrecht und nach Bärenart behäbig. Um die Hüfte trug er einen Ledergürtel mit Messer, kleiner Säge und Schraubenschlüssel - schließlich gab es immer etwas zu tun. Ein Blick in sein wettergegerbtes, menschliches Gesicht verriet, dass er gerne draußen war.

Seufzend ließ er von seinen Fingern ab und schaute wieder zum Wald hinüber. Dicht bei dicht wuchsen die Bäume und die Zwischenräume tauchten rasch in Finsternis, gespickt mit Farn und Dornengestrüpp. Eine Mauer mit wenigen Poren zum Atmen. Hob man den Blick über die Wipfel hinaus, sah man ein bizarres Gebirge mit trügerischer Schönheit. Trügerisch, weil der einsame Berg ein Ungeheuer beherbergte: den Drachen Tumaros. Seinetwegen war der Wald so finster. In seiner Nähe gediehen heimtückische Wesen, die sich lieber von hinten anschlichen, als von vorne den Kampf zu wagen.

Doch sie hatten Jakob nicht gehindert, seine Hütte am Wald zu bauen, gut tausend Schritte vom Dorfrand entfernt, hielten sie doch ungebetene Gäste, unnötige Gespräche und neugierige Blicke fern. Und er wusste, dass nicht alle Wesen im Finsterwald von übler Gesinnung waren. Eschagunde, königliche Waldfee, hielt dem Drachen stand und war seine ärgste Feindin.

Der Mittelweg war hier nur noch ein Trampelpfad. Er trennte Jakobs Hütte von wuchernden Brombeerbüschen, die mit einem weißen Blütenmeer eine reiche Ernte versprachen. Kurz bevor er im Wald verschwand, ging er wie ein Wendehammer auseinander. Wer trotz aller Schrecken in den Wald gehen musste, um Holz und vielleicht ein paar Pilze zu sammeln, konnte hier noch einmal tief durchatmen. Zwischen den Bäumen, so glaubten alle, war die Luft dicker. Doch wenn man Glück hatte, fand man auch am Waldrand genug Holz und lief über den Wiesenstreifen bis zum Bach. Dort hatten die Bären einst eine Mühle betrieben. Tumaros hatte sie beim letzten Angriff vor fünfzig Jahren zerstört, das Dorf gebrandschatzt und ausgeraubt. Aus dem wohlhabenden Mühlendorf wurde an diesem Tag das kleine Mühlenau. Es gab keine Familie, die nicht um einen geliebten Bären trauerte. Viele Überlebende verließen es. Etwa einhundert blieben zurück und bauten es wieder auf. Zuletzt war Jakobs Tochter Lena gegangen. Zu sehr von Albträumen geplagt, hatten sie und ihr Mann Boris sich vor zehn Jahren eine neue Heimat gesucht.

Es war Jakob nicht leichtgefallen, Rosas Bleiben zuzustimmen, lieber hätte er auch seine Enkelin in Sicherheit gewusst. Aber Rosa hatte darum gekämpft. Sie liebte das Dorf ebenso wie ihr Großvater.

Jakob versuchte eine Weile, dem Summen der Bienen in den Brombeerblüten zu lauschen. Besorgt schaute er zum dunkler werdenden Wald, als sein Blick an einer Bewegung heften blieb. Zwischen zwei Bäumen bemerkte er ein Flimmern, wie man es sah, wenn sich Luft über dem Boden erhitzte.

Er beugte sich vor. »Das ist doch... ja, wenn das nicht...natürlich ...«

Das Flimmern wurde dichter. Es zeichneten sich Konturen ab. Der zierliche Körper einer Frau in grünem, duftigem Blättergewand wurde sichtbar.

»Eschagunde!«

Mit leichten Schritten kam die Waldfee auf Jakob zu. »Hallo, du alter Griesgrambär!« Eine Aura aus Sternenstaub umgab sie. Sie trug eine Krone aus Eschenblättern. Ihr schmal geschnittenes Gesicht, hohe Wangenknochen und der volle Mund drückten Entschlossenheit aus. Ihr braunes Haar war im Nack

Titel
Drachentau
EAN
9783752882438
Format
E-Book (epub)
Herausgeber
Veröffentlichung
08.05.2018
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
1.12 MB
Anzahl Seiten
304
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet
Auflage
2. Aufl.