Abends am Lagerfeuer, ein kaltes Bier in der Hand. Jemand fängt an zu erzählen: 'Ich habe neulich von einem Freund eine Geschichte gehört: Eine junge Frau. Nachts. Eine dunkle Landstraße. Ihr werdet es mir nicht glauben ...' Jeder von uns kennt diese Geschichten. Die besten von ihnen werden zu Modernen Mythen oder Großstadtlegenden, bei denen man oft nicht weiß, ob sie tatsächlich einmal so passiert sind. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann. Viele haben einen wahren Kern. Und wenn es nur eine kollektive Angst ist. Inzwischen wurde das Internet zum großen Lagerfeuer der Moderne. Hier entstehen ganz neue urbane Mythen, die sogenannte Creepypasta (von 'creepy' - gruselig und 'paste' - einfügen). Im Netz werden die Geschichten besonders schnell verbreitet. Sie handeln von furchterregenden Gestalten wie dem Slenderman oder Laughing Jack, deren Existenz allein schon Unheil verbreiten ... Dieses Buch ist eine Sonderausgabe des Titels 'Der Skorpion in der Bananenkiste'.

Petra Cnyrim, geb. 1975, lebt und arbeitet als Autorin in München. Die urbanen Legenden haben sie schon lange fasziniert und sie hofft inständig, niemals eine giftige Spinne in ihren Zimmerpflanzen zu entdecken.

Autorentext

Petra Cnyrim, geb. 1975, lebt und arbeitet als Autorin in München. Die urbanen Legenden haben sie schon lange fasziniert und sie hofft inständig, niemals eine giftige Spinne in ihren Zimmerpflanzen zu entdecken.



Leseprobe

Moderne Mythen und Klassiker

Die Kuckucksuhr

In dieser Geschichte variieren je nach Herkunftsland die Gegenstände. Der Hergang an sich wird jedoch fast immer gleich wiedergegeben.

Nach dem Tod meines Großvaters tat mir meine Oma immer sehr leid, wie sie ganz alleine in der Wohnung saß, die die beiden über 50 Jahre lang bewohnt hatten. Sie hatte, wie es schien, zusammen mit meinem Großvater auch ihre Aufgabe im Leben verloren und das merkte man ihr an.

Deshalb entschied ich mich, sie jedes zweite Wochenende zu besuchen. Ich freute mich immer, sie zu sehen, und ließ mich auch zugegebenermaßen immer gerne von ihrer Kochkunst verwöhnen. Und sie war immer ganz aus dem Häuschen, wenn sie mich wiedersah. Es sei für sie jedes Mal wie Weihnachten, wenn ich auftauche, pflegte sie zu sagen. In dem Moment waren ihre Trauer und ihr Unmut verschwunden und sie war wieder der lustige Mensch, den ich aus früheren Tagen kannte.

An einem der besagten Samstagabende fiel ihr auf, dass sie vergessen hatte, das Bier zu kaufen, das ich so gerne trank. Ich versuchte sie zwar davon zu überzeugen, dass das nun wirklich kein Problem sei, aber da es sie froh machte, mich verwöhnen zu können, gab ich irgendwann nach und ließ sie ziehen. Sie bestand darauf, schnell gegenüber in den kleinen Laden zu gehen, sie wisse ja ganz genau, wo das Bier dort stehe, und sei deshalb auch gleich wieder da.

Kurz nachdem sie die Wohnung verlassen hatte, passierte etwas Merkwürdiges. Die Kuckucksuhr meines Großvaters fiel von der Wand. Ich ging hin und hob sie auf. Es war nichts beschädigt, wobei die Uhr schon lange nicht mehr funktionierte, denn die Uhr war an dem Tag, an dem mein Opa verstorben war, stehen geblieben. Seitdem war sie für meine Großmutter eine Art Gedenkstätte geworden und sie richtete öfter das eine oder andere Wort an die Uhr.

Als sie wieder an der Wand hing und ich mich auf den Weg zurück zum Sofa machte, hörte ich erneut ein lautes Scheppern. Und da lag sie - schon wieder!

Ich überprüfte den Haken und den Nagel, um die Uhr vor einem erneuten Sturz zu bewahren. Doch es passierte genau dasselbe: Kaum hatte ich mich einige Meter entfernt, fiel die Uhr zu Boden. Das ganze Spiel wiederholte sich an die zehn Mal, bis ich begriff, dass es sich um eine Botschaft handeln musste. Ich rannte aus der Wohnung und durch das Treppenhaus und da sah ich sie liegen, meine Großmutter. Sie lag am Fuß der Treppe, ohnmächtig, mit einer kleinen Platzwunde am Kopf.

Die Sanitäter waren sofort vor Ort und versorgten meine Oma, die schon wieder zu sich gekommen war. Als ich ihr von dem Vorfall mit der Uhr erzählte, lief eine kleine Träne über ihre Wange und sie sagte:

"Ja, mein Ludwig hat schon immer auf mich aufgepasst."

DIE LEICHE IM GARTOPF

In einem kleinen Städtchen in Italien fand beinahe die gesamte Bevölkerung Arbeit in der einzigen Fabrik, die der Ort zu bieten hatte. Jeder war heilfroh über seine Anstellung und deshalb beschwerte sich auch niemand über die teilweise unzumutbaren Arbeitsbedingungen, die dort herrschten. Man akzeptierte es entweder stillschweigend oder unternahm etwas dagegen, wenn es unbemerkt bleiben konnte. So hatte es sich Maria aus der Spätschicht angewöhnt, nach getaner Arbeit und bevor sie nach Hause ging, nicht die für die Angestellten vorgesehenen Duschen im Waschraum zu benutzen. Die Waschräume waren derart dreckig und ekelerregend, dass sie eines Abends beschlossen hatte, in dem riesigen beheizbaren Wurstkessel ein Bad zu nehmen, sobald alle anderen verschwunden waren.

Und das klappte ganz wunderbar. Sie ließ den Kessel mit Wasser volllaufen, stellte die Temperatur ein und genoss so zweimal in der Woche ein kostenloses heißes Entspannungsbad in dem gereinigten Riesentopf.

Doch an einem Abend nahm das Schicksal seinen Lauf, denn der Deckel, den sie nicht gut genug befestigt hatte, schlug zu und verhakte sich in den Schlösser
Titel
Slenderman und Smile Dog
Untertitel
Creepypasta und Großstadtlegenden
EAN
9783959711050
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
0.59 MB
Anzahl Seiten
240
Lesemotiv