Der junge Luca lebt in einer chaotischen Großfamilie. Der Vater hat schon vor seiner Geburt das Weite gesucht. Neben ihm und seiner Zwillingsschwester sorgt eine quirlige Schar älterer Schwestern und Brüder dafür, dass es zuhause drunter und drüber geht. Und dann ist da noch Alexander, sein Playmobil-Ritter Lucas Lieblingsort ist das Stille Örtchen im Keller, das er immer aufsucht, wenn er Ruhe und Stille braucht. Es scheint aber auch ein mystischer Ort zu sein, denn eines Tages gelangt er unfreiwillig von dort in eine gänzlich andere Welt, wo tiefstes Mittelalter herrscht, wo Räuber, Ritter und Minnesänger umherstreifen, und wo für ihn ein großes Abenteuer beginnt, in dem schließlich das Geheimnis um seine eigentliche Herkunft gelüftet wird Jugend-Fantasy von Regina Schleheck

Leseprobe
Was ist eigentlich normal? Jedenfalls nicht die Norm. Ich zum Beispiel bin mit einem Mal geboren. Normal ist das schon mal nicht. Wenn ich sage, ich bin mit einem Mal geboren, meine nicht, dass ich auf einmal geboren bin, das eher grade nicht, sondern ich habe ein Mal, seit meiner Geburt, so eine Art Muttermal halt. Und damit fängt diese Geschichte schon an. Was man damit Beklopptes erleben kann, glaubt mir wahrscheinlich sowieso keiner. Am Anfang hört sich vieles ja noch harmlos an, wenn auch nicht unbedingt normal. Oder was sollte daran normal sein, dass bis zu meiner Geburt keiner mit mir gerechnet hatte? Vielleicht war es ja auch Lucia, mit der keiner gerechnet hatte, jedenfalls hatte niemand gemerkt, dass wir zu zweit waren, Lucia und ich. Da Lucia aber als erste rauskam, war ich eben das Überraschungsei. Ihr werdet sagen: Was macht das schon aus? Ich will gar nicht auf diesen ganzen Kram mit dem besseren Durchsetzungsvermögen und so raus. Mit einem guten Therapeuten kriegt man das später alles schon noch irgendwie hin gebogen. Aber manchmal macht es eben richtig was aus. Mich hätte es jedenfalls vermutlich das Leben gekostet, wenn's anders gewesen wäre. Mein anderes Ich zumindest. Aber dazu später. Ich weiß ja nicht mehr wirklich, wie es überhaupt dazu kam und was da drinnen so gebacken war. Aber ich denke schon, Lucia und ich, wir sind ganz gut miteinander klar gekommen. Das war auch nachher nie anders. Sie war halt grad näher am Ausgang, als es losging. Eigentlich dachten alle, es wäre gelaufen. Mama hatte die Augen geschlossen und versuchte sich zu verschnaufen, während der Arzt und die Hebamme damit beschäftigt waren, Lucia zu waschen und zu vermessen. Lucia ist das hübscheste Baby gewesen, das man sich vorstellen kann. Das muss man neidlos anerkennen. Auch wenn mich das im Grunde nie wirklich gekratzt hat. Aber ich konnte natürlich auch schlecht darüber hinwegsehen. An mir ist nicht viel dran. Man sieht schon, dass wir Geschwister sind, aber okay, eineiig ginge ja sowieso nicht wegen des Y-Chromosoms. Aber wenn die Menschen sich über den Kinderwagen gebeugt haben, dann hieß es immer: Ist die süß! Und dann die hastige Nachfrage: Das eine ist doch ein Mädchen, oder? Und wenn es bestätigt wurde, dann das erleichterte: Na, dann passt es ja! Ich fand immer, es passte ganz gut, dass keiner so einen Bohei um mich machte. Im Alltag war das allerdings auch bei Lucia nicht wirklich so. Wie auch? Hatte ja keiner wirklich Zeit zu. Mama jedenfalls nicht, und sonst war da ja auch keiner, der ihr was abgenommen hätte. Und unsere Geschwister na, wie Geschwister halt so sind. Wir lernten sie am nächsten Tag kennen. Aber dazu nachher mehr. Erst mal hatte ich ganz schön zu tun, dass man mich überhaupt erstmal zur Kenntnis nahm. Mama war natürlich die erste, die merkte, dass da noch was im Busch oder vielmehr im Bauch war. Die Wehen gingen munter weiter und sie stöhnte schließlich so laut, dass die Hebamme Lucia dem Arzt überließ und Mama zu Hilfe kam. Vielleicht lag es daran, dass Mama schon so erschöpft war, aber mir wurde auch später gern vorgehalten, ich hätte mir wohl nicht sonderlich Mühe gegeben Melli nannte es schissig -, jedenfalls zog es sich noch ganz schön in die Länge von dem Moment an, wo die Hebamme schließlich geschnallt hatte, dass es mich auch noch gab. Sie war ein ziemlich resolutes Exemplar von Geburtshelferin. Wie Mama von ihr zwischen den Wehen erfuhr, hatte sie einige Jahre im afrikanischen Busch bei Ärzte ohne Grenzen ausgeholfen. Vielleicht wusste sie deshalb auch nicht so genau, wie ein Ultraschallgerät funktioniert, oder hatte es zumindest für überflüssig gehalten, sich damit zu vergewissern, wie viele Babys anstanden. Dafür fackelte sie aber nicht lange, als Mama schließlich dicht vor einem Kollaps war, sondern kniete sich neben ihr auf das Bett und bohrte den Ellbogen kräftig in Mamas Bauch, um meiner Anstageslichtbeförderung Nachdruck zu verleihen, während der Arzt, der noch ziemlich frisch von der Uni kam, sie beschwor, der Anästhesist müsse her und ein Kaiserschnitt gemacht werden. Böse Zungen mögen vermuten, dass er noch nicht genügend Kaiserschnitte zusammen hatte für die Approbation. Der Hebamme war es auf der anderen Seite wohl ganz schön peinlich, dass sie bei all ihrer Erfahrung nicht geschnallt hatte, dass wir Zwillinge waren. Daher musste sie wohl partout zeigen, dass sie jetzt alles im Griff hatte. Wie dem auch sei, der Arzt konnte sich jedenfalls nicht durchsetzen, sondern der Hebammen-Ellbogen, der mich unerbittlich ans Tageslicht drückte, wo Lucia mittlerweile friedlich schlummerte und sich auch nicht stören ließ, als ich meinen ersten Krächzer tat. Mama war so kaputt, dass sie mit Mühe die Augen aufkriegte, als die Hebamme erstaunt rief: Na, das ist aber mal ein Storchenbiss! Das ist ja ein richtiges Mal! Mama erzählte später, dass sie im ersten Moment dachte, die Hebamme spräche von einer Mahlzeit, und so fragte sie sich gerade, ob die Frau mich für so einen Appetithappen hielt oder ob sie bereits begonnen hatte den Säugling zu füttern, als diese ihr das frisch gewaschene nackte Kind mich rücklings vorhielt, so dass sie meinen Nacken sehen konnte, in dem tatsächlich eine Art krönchenförmiges braunes Mal prangte. Ein echtes Schöpfungskrönchen!, versuchte sie Mama meinen Makel schön zu reden. Es ist, wie es ist, aber jetzt ist auch mal gut, muss Mama gestöhnt haben. Ob sie damit sagen wollte, dass sie nun wirklich nicht noch mehr Kinder, dass sie schlicht ihre Ruhe haben wollte oder ob sie damit mein Nackentatoo beklagte wer weiß. Zumindest weiß ich, dass ich als kleines Kind auf den Fotos immer Baumwollrollis oder Halstücher trug, während Lucia auch schon mal Kleidchen mit Ausschnitt anhatte. Vielleicht wollte Mama sich und mir damit aber auch nur dumme Fragen ersparen. Ich hab es jedenfalls auch immer versucht zu verstecken, weil ich keine Lust hatte, irgendwelche Erklärungen abzugeben. Wenn jemand Sommersprossen hat oder O-Beine, fragt ja auch keiner, wieso das so ist. Aber egal was es ist, das Leute nicht ganz normal aussehen oder sein lässt, sie schmieren es dir aufs Butterbrot. Kinder sind da einfach völlig gemein. Mir haben sie auf dem Spielplatz nachgesagt, ein Vampir müsse sich nachts an mir die Zähne ausgebissen haben, weil er sich statt in die weiche Halsschlagader von hinten in die Halswirbel verbissen hätte. Ich fand die Geschichte eigentlich gar nicht so uncool. Aber es nervte natürlich. Also hab ich meinen Nacken nach Möglichkeit nicht zur Schau gestellt. Das ist allerdings auch wieder ein Vorteil an großen Geschwistern. Solange sie dabei sind, sorgen sie dafür, dass du in Ruhe gelassen wirst. Allerdings sorgen sie andererseits auch dafür, dass man nie in Ruhe gelassen wird. Oma Gerti, Mamas Mama, kam am zweiten Tag mit allen zusammen und sie hatte zu allem Überfluss auch noch einen Fotografen mitgebracht. Es ist nicht so, als wenn Oma Gerti es so dicke gehabt hätte oder dass sie so begeistert war. Im Gegenteil. Sie war am ersten Tag schon da gewesen und ihr erster Kommentar war wohl: Wie hast du dir das denn vorgestellt? Gar nicht, hatte Mama böse geantwortet, stell dir vor, sie sind einfach im D…
Titel
Luca und das Mal der Fürsten
EAN
9783961271092
Format
E-Book (pdf)
Altersempfehlung
ab 11 Jahre
Hersteller
Veröffentlichung
13.05.2018
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
1.45 MB
Anzahl Seiten
150
Auflage
2. Auflage
Lesemotiv