Reinhold Neven Du Mont, geboren 1936 in Köln, war lange Jahre Verleger von Kiepenheuer & Witsch und berät den Verlag auch heute noch. Vor kurzem ist er, nach 35 Jahren im Bergischen Land, ins Zentrum von Köln gezogen und genießt nun den Blick von innen.
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Reinhold Neven Du Mont, geboren 1936 in Köln, war lange Jahre Verleger von Kiepenheuer & Witsch und berät den Verlag auch heute noch. Vor kurzem ist er, nach 35 Jahren im Bergischen Land, ins Zentrum von Köln gezogen und genießt nun den Blick von innen.
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Dunkel, fromm, bürgerlich
Köln hat in seiner Geschichte tatsächlich dunkle Zeiten erlebt, aber durchaus nicht immer dann, wenn das für andere Städte nördlich der Alpen galt. Das »dunkle« Mittelalter war für Köln über die Jahrhunderte eine glanzvolle Epoche. Nach dem Willen von kraftvollen Äbten und Bischöfen entstanden in rascher Folge ein Dutzend großartiger Kirchen, eine architektonische Neuschöpfung eine jede und im Ensemble wie ein Musterbuch der romanischen Baukunst. Für viele Kölner sind Maria im Kapitol, St. Pantaleon, St. Aposteln, Groß St. Martin und ihre acht Schwestern identitätsstiftender als der Dom, »der finstere Fremdling«.
Als törichten Aberglauben haben die Reformatoren die Verehrung von Reliquien gegeißelt. In der Tat ist die Verteilung der Gebeine von wichtigen Heiligen und Märtyrern im Mittelalter eine Geschichte von Raub und Schacher. Während sich andere Städte mit den Überresten regionaler Heiliger begnügen mussten, fanden in Köln etwa die Knochen der heiligen Ursula mit ihren 11 000 Jungfrauen und immerhin der halbe heilige Severin - die zweite Hälfte wird in Bordeaux verehrt - ihre letzte Ruhestatt. Die glücklichste Fügung für Köln aber fällt in das Jahr 1164. Erzbischof Rainald von Dassel, der mächtige Kanzler Kaiser Barbarossas, bringt einen unerhört wertvollen Schatz, die Gebeine der Heiligen Drei Könige - Bösmeinende sagen als Beute -, aus Mailand mit ins nunmehr endgültig heilige Köln. Sie finden ihren Platz 1220 in dem berühmten, mit funkelnden Edelsteinen verzierten Schrein aus purem Gold auf dem Hochaltar des Doms. Zu Tausenden strömen die Pilger, Fürsten und Volk in Wallfahrten an den Rhein und bringen unvergleichlichen Reichtum in die Stadt. Köln wächst, blüht und gedeiht, hat im späten Mittelalter 40 000 Einwohner, mehr als Nürnberg (18 000), Frankfurt (9000) und Mainz (6000) zusammen.
Durch den Ausbau der Handelsbeziehungen, vor allem mit England, erwarben Kölner Kaufleute große Vermögen. Auch der Besitz von Münz- und Zollämtern wurde zu einer Quelle des Reichtums. Habgier und Neid waren die Folgen. In den kommenden Jahrhunderten rissen die Machtkämpfe zwischen den Erzbischöfen und den Patriziern, zwischen den Patriziern und den Zünften nicht ab, und in den Gefechtspausen befehdeten sich die Patrizierfamilien untereinander. Die von der Mühlgasse, die Gyr, Hardefust und Kleingedank, die Overstolz, Lyskirchen, die von Plaise waren harte Herren, sie horteten das Geld, aber sie brachten es auch in Umlauf. Man protzte nicht mit seinem Vermögen, aber als schönheitsliebend wollten sie schon gelten, die Herren von Köln; sie bauten ihre hochgiebeligen Wohnpaläste und über 100 Kirchen zählte die Stadt. Von Durchreisenden wurde sie als Krone der deutschen Städte gepriesen.
Dunkle Zeiten brachen für Köln erst später an, als andernorts in Deutschland - so in Brühl, fast noch in Sichtweite der Domtürme - Herrenhäuser und Schlösser, Kirchen und Klöster in barocker Pracht entstanden. Vorbei die Zeiten, als im Kölner Rathaus die deutschen Hansestädte tagten, vorbei die Zeiten der Kölner Malerschule, als deren Höhepunkt Stephan Lochner das große Altarbild schuf (um 1445), das heute als einer seiner wahren Schätze im Dom zu bewundern ist. (Die Lochner-Kapelle, in der das Bild zunächst seinen Platz fand und in der die Ratsmitglieder geistige Einkehr vor ihren Sitzungen zu halten pflegten, wurde auf dem Platz gegenüber dem Rathaus erbaut, auf dem man kurz zuvor, also 1426, nach der Judenvertreibung die Synagoge abgerissen hatte.)
Für den Niedergang Kölns haben die Historiker viele Gründe angeführt. Die verzunftete Bürgerschaft hielt engstirnig an den überkommenen Ideen und Gesetzen wie am römischen Glauben fest. Für Protestanten und damit für tüchtige und innovative Zuwanderer blieben die mittelalterli