Roswitha Schieb wurde 1962 in Recklinghausen geboren. Sie veröffentlichte 1996 'Das teilbare Individuum. Körperbilder bei Ernst Jünger, Hans Henny Jahn und Peter Weiss'. 1999 erschien 'Rügen. Deutschlands mytische Insel' (Berlin Verlag) und im Jahre 2000, 'Reise nach Schlesien und Galizien. Eine Archäologie des Gefühls'. Ein Buch zu Peter Steins Faust-Inszenierung kam ebenfalls 2000 heraus. Roswitha Schieb lebt mit ihrer Familie in Borgsdorf bei Berlin.
Autorentext
Roswitha Schieb wurde 1962 in Recklinghausen geboren. Sie veröffentlichte 1996 "Das teilbare Individuum. Körperbilder bei Ernst Jünger, Hans Henny Jahn und Peter Weiss". 1999 erschien "Rügen. Deutschlands mytische Insel" (Berlin Verlag) und im Jahre 2000, "Reise nach Schlesien und Galizien. Eine Archäologie des Gefühls". Ein Buch zu Peter Steins Faust-Inszenierung kam ebenfalls 2000 heraus. Roswitha Schieb lebt mit ihrer Familie in Borgsdorf bei Berlin.
Leseprobe
KINDHEIT UND JUGEND
Peter Stein wurde am 1. Oktober 1937 in Berlin geboren. Seine Familie wohnte zunächst in Berlin-Frohnau in der Straße Im Fischgrund, später im Wiesengrund, wo Peter Stein einige Jahre lebte. Als Berlin während des Krieges als zu gefährlich für Kinder galt, wurde er zunächst nach Westpreußen/Pommern verschickt und dann zusammen mit seinem Cousin Hubertus von Stolzmann in Altwarp am Stettiner Haff untergebracht. Der sieben Jahre ältere Bruder Peter Steins, Paulus, ging während des Krieges in Misdroy (Wollin) aufs Gymnasium.
Steins Mutter stammte aus einer Soldatenfamilie. Ihr Vater, Paulus von Stolzmann, war der Mitbegründer der Reichswehr, nach Steins Aussagen ein schlimmer »Kommunistenkiller« im Mansfeldischen. Einer ihrer Brüder, Hans-Joachim von Stolzmann, der Vater von Steins Cousin Hubertus, war General unter Hitler. Daher besaß die Frau dieses Generals, Steins Tante, während des Krieges etliche Privilegien. Da sich während der Bombardierung Berlins keine Kinder unter sechs Jahren in der Stadt aufhalten durften, zog die Mutter mit ihrem Sohn Peter wie oben erwähnt nach Altwarp, wo es einen Truppenübungsplatz gab. Dort waren sie als Gast der Tante, der Generalsfrau, in einem Häuschen einquartiert. Dieser Status als Gast muß für Steins Mutter äußerst belastend gewesen sein. Heute ist Stein der Überzeugung, daß die ihn prägendste Zeit die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegszeit gewesen sei, aus der sich seine wichtigsten Eindrücke und Erinnerungen speisen, gegen die alles andere verblasse.
Peter Stein (links) mit Bruder Paulus, 1939
Die meisten Erinnerungen an diese frühe Zeit auf dem Lande, in der Natur von Altwarp, sind freundlich. Es sind Erinnerungen an einen Garten, in dem Mohrrüben wuchsen, an »ein großes Paradies« (Stein). Deutlich steht Stein aber auch eine lebensbedrohliche Begebenheit vor Augen. Beim Bötchen-Spielen fiel er einmal ins Wasser des Haffs, ertrank fast, versuchte, sich in Todesangst an den Holzpollern festzuhalten, versank aber immer wieder im grünschlierigen Wasser, bis er schließlich von Wehrmachtssoldaten, die sich in einer kleinen Hütte aufhielten, gerettet wurde. Nie wird er vergessen, daß diese, nachdem er zitternd wieder an Land war und literweise Wasser ausspuckte, sich über sein Mißgeschick köstlich amüsierten und ihn auslachten. Direkt nach der Wende 1990 fuhr Stein zusammen mit seinem Bruder Paulus und seinem Cousin Hubertus von Stolzmann nach Altwarp, wo er starke Déjà-vu-Erlebnisse hatte: Der kleine Ort Altwarp, das Haff, sogar die Hütte sahen fast genauso aus wie im Jahr 1944. Allerdings wirkte alles etwas heruntergekommener. Als dann plötzlich noch ein Soldat aus der Hütte trat - ein NVA-Soldat -, war es um Stein geschehen. Hemmungslos erzählte er dem verwirrten Soldaten in einem Ausbruch von Sentimentalität seine alten Geschichten, mit denen dieser natürlich nichts anfangen konnte. An ein Picknick mit Bruder und Cousin mit Blick über das Haff erinnert sich Stein voller Innigkeit. Als sie aber in dem Hof des Hauses, in dem sie damals untergebracht waren und das jetzt ganz verfallen war, die vergrabene Kiste mit Silber und Adelsdiplomen suchten, die sie damals dort versteckt hatten, wurden sie von den Bewohnern Altwarps mit Steinen beworfen und verjagt. Die Kiste hatten sie nicht mehr auffinden können. In Prenzlau wiederholte sich dieser Vorgang: Beim Aussteigen aus dem Auto wurden die drei von Ortsansässigen ebenfalls mit Steinen beworfen.
Im Februar 1945 floh die Familie mit dem Pferdeschlitten über das gefrorene Stettiner Haff Richtung Westen. Geschützdonner ertönte im Osten, »im Osten wurde es wieder rot« (Stein). Der siebenjährige Peter Stein ging als Frischoperierter auf die Flucht. Kurz zuvor war er nämlich nach Berlin eingeschmuggelt worden, wo ein Freund seiner Mutter als Chefarzt an der Charité arbeitete. Stein wurde dort an einem Hoden- oder Leistenbruch operiert. Er erlebte einen Volltreffer auf die Charité m