Steht es dem Schriftsteller frei, einen historischen Stoff in einem literarischen Text nach eigenen Maßgaben zu verändern? Von Platon bis Philip Roth reicht das Spektrum der Texte, anhand derer Ruth Klüger dieser Fragestellung nachgeht. Was ist wahr? - Wie steht es um das Verhältnis des geschichtlichen Faktums zum Erzählen davon? - Ruth Klüger beschäftigen seit vielen Jahren die philosophischen, moralischen und nicht zuletzt ästhetischen Dimensionen dieses Problems. Warum hat der Dramatiker Schiller Jeanne d'Arc auf dem Schlachtfeld sterben lassen, wiewohl er es als Historiker besser wußte? Wieso können wir es leicht hinnehmen, daß er Maria Stuart so deutlich »verjüngt«, fänden es aber unverzeihlich, hätte Tolstoi Napoleons Niederlage im Rußlandfeldzug unterschlagen? Warum wird ein und derselbe Text ganz neu gelesen, wenn man erfährt, daß sein Verfasser nicht eigene Erinnerungen aufgeschrieben hat, etwa als ein Überlebender der Lager, sondern eine Romanhandlung in Ich-Form erfunden hat? Warum findet man unter Umständen kitschig, wovon man vorher ergriffen war? »Die Autobiographie ist ein Werk, in dem Erzähler und Autor zusammenfallen, eins sind.« Und so gewiß Ruth Klüger das Schreiben über die eigenen Erfahrungen in einem Grenzdorf zwischen Geschichte und Belletristik angesiedelt sieht, so sicher hält sie fest an der Identität eines Ich, das Zeugnis ablegen kann.

"Man braucht kein Germanist zu sein, um Ruth Klügers Literatur-Essays mit Faszination zu lesen. Ihre Argumentation ist scharfsinning, ihr Stil lakonisch und pointiert, ihr Urteil unerbittlich, aber immer nachvollziehbar."(Sigrid Löffler, ORF)"Der Leser wird an der klaren Sprache Ruth Klügers, ihrer undogmatischen Argumentation und ihren souveränen Urteilen seine Freude haben. Für Literaturwissenschaftler und Kritiker hält das Buch freilich Zurechtweisungen bereit, die manch einer mit säuerlicher Miene zur Kenntnis nehmen wird."(Friedmar Apel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.5.2006)"Immer ist Ruth Klüger in den Essays mit ihrer ganzen Persönlichkeit präsent. Das Subjektive wird von ihr nicht als Beschränkung, sondern als Grundbedingung von Erkenntnis betont. Das schärft das Denken und hält die Autorin wie den Leser davon ab, sich in Allgemeinheiten zu verlieren."(Rolf-Bernhard Essig, Wiener Zeitung, 6.5.2006)"Wie schon ihre früheren Bücher gezeigt haben, sind ihre literaturkritischen Arbeiten originelle Denkexperimente, keine Dekrete. Sie lassen den Leser auf eine sehr sympathische Weise am Prozess der Wahrheitsfindung teilhaben, mit ebenso unaufgeregten wie beharrlichen Reflexionen über die Zusammenhänge von Ethik und Ästhetik."(Oliver Pfohlmann, die tageszeitung, 27./28. Mai 2006)"Ein solches Lesen und Forschen kann spannend werden; bei Ruth Klüger ist es ein Abenteuer, wenn sie danach fragt, wie wirklich das Mögliche ist."(Rheinische Post, 10.6.2006)"Bis hin zur Autobiographie macht Ruth Klüger höchst anschaulich bewusst, wie Literatur, die im historischen Gewand daherkommt, funktioniert. Dabei liefert sie auch ein schmerzlinderndes Mittel gegen die grassierenden Seuche der Dokudramen. Sie machen glauben, nun endlich zu wissen, wie es gewesen ist. Doch das ist eine im Vorfeld der Kunst sorgfältig geplante Lüge, wie Klüger überzeugend feststellt."(Wolfgang Mahlow, Nordkurier, 30.06.2006)"Klügers absolut lesenswerte Aufsätze enthalten aufmerksame Beobachtungen des Umgangs mit Geschichte und der Gedächtniskultur in der heutigen Literatur- und Medienwelt. Sie zeigen, dass sich Fakten und Fiktion manchmal nicht voneinander unterscheiden lassen, und sich gleichzeitig Mahnungen, die historische Tatsache nicht mit ihrer wechselnden Interpretation zu verwechseln und einen Text nicht ohne seinen historischen Kontext zu sehen."(Charlotte Kitzinger, Universität Gießen, WLA-O

Autorentext
Ruth Klüger (1931-2020) war von 1966 bis 1992 Professorin für Deutsche Philologie an verschiedenen amerikanischen Universitäten, zuletzt an der University of California / Irvine. Von 1978 bis 1986 war sie Herausgeberin der Zeitschrift »The German Quarterly«, von 1980 bis 1985 Vizepräsidentin der Internationalen Vereinigung der Germanisten (IVG). Sie war Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Mit ihrer in mehrere Sprachen übersetzten Autobiographie »weiter leben« (1992) wurde sie einem breiten Publikum im In- und Ausland bekannt. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter: Roswitha-Preis (2006), Lessing-Preis des Freistaates Sachsen (2007),Bundesverdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2008), Ehrendoktorwürde der Universität Wien (2015), Bayerischer Buchpreis - Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten (2016).
Titel
Gelesene Wirklichkeit
Untertitel
Fakten und Fiktionen in der Literatur
EAN
9783835323230
Format
E-Book (epub)
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
0.94 MB
Anzahl Seiten
222