Sabine Pamperrien studierte Rechtswissenschaft, Geschichte und Literaturwissenschaft. Nach Stationen beim ZDF und in Printmedien arbeitet sie als freiberufliche Journalistin und Rezensentin für Deutschlandfunk, Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Das Parlament, Der Freitag und zahlreiche andere überregionale Medien. Ihre Publikationen erreichen eine große Öffentlichkeit. Die Autorin lebt in Berlin und in der Nähe von Bremen.
Vorwort
Helmut Schmidt und die Tragödie der Pflicht.
Autorentext
Sabine Pamperrien studierte Rechtswissenschaft, Geschichte und Literaturwissenschaft. Nach Stationen beim ZDF und in Printmedien arbeitet sie als freiberufliche Journalistin und Rezensentin für Deutschlandfunk, Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Das Parlament, Der Freitag und zahlreiche andere überregionale Medien. Ihre Publikationen erreichen eine große Öffentlichkeit. Die Autorin lebt in Berlin und in der Nähe von Bremen.
Leseprobe
Vorwort
»Mörder aus Feuerteufel-Tatort spielt Helmut Schmidt«, titelte das Hamburger Abendblatt im Jahr 2013 vorwurfsvoll. Gerade war bekannt geworden, dass der Schauspieler Bernhard Schütz in den Spielszenen einer Fernsehdokumentation über das Leben Helmut Schmidts den »coolsten lebenden Deutschen« in seinen mittleren Jahren darstellen würde. Sollte das heißen, dass Darsteller von Mördern für die Verkörperung einer lebenden Legende wie Helmut Schmidt nicht geeignet sind?
Dass mit Bernhard Schütz ein Star deutscher Theater die Rolle übernahm, war die eigentliche Nachricht. Als Loki-Darstellerin an seiner Seite gab sich die in ihren Rollen überaus wählerische Bibiana Beglau die Ehre. Beide ergänzten ein illustres Ensemble, das schon durch seine Teilnahme an der NDR-Produktion zum 95. Geburtstag des Altbundeskanzlers deren Protagonisten adelte. Nicht umgekehrt, wie die professionelle Distanzlosigkeit des Boulevards suggerierte.
Kritische Distanz war immer etwas, das Helmut Schmidts intellektuellen Zugang zu den Themen kennzeichnete, mit denen er sich beschäftigte. Bis heute sind die Unabhängigkeit seines Denkens und die Unerschrockenheit seines oft unbequemen Urteils Hauptmerkmale seiner Wirkmacht. Schon allein deshalb ist es für eine Person wie ihn nicht angemessen, idealisiert zu werden - weder in der Meinungsmache des Boulevards noch in den üblichen Elogen von Affirmatoren, die sich von demonstrativer Nähe zu Schmidt einen Abglanz von dessen Nimbus auf die eigene Person erhoffen.
Eine Folge der durchaus auch gönnerhaften Haltung mehr oder weniger prominenter Apologeten gegenüber dem Altbundeskanzler ist eine immer weiter um sich greifende Geschichtsklitterung. Entstanden ist sie hauptsächlich daraus, dass immer wieder und unhinterfragt auf dieselben Quellen zurückgegriffen wird. Wenn man verschiedene Publikationen über Helmut Schmidt aus den vergangenen Jahrzehnten studiert, stellt man fest, dass fast alle persönlichen Details aus dem langen Leben Schmidts wie auswendig gelernte Anekdoten immer und immer wieder repetiert werden.
Schmidt ist berühmt für sein glänzendes Gedächtnis, das ihn noch in hohem Alter nahezu wortlautgleich Gedankengänge, Analysen und politische Entscheidungsfindungsprozesse wiederholen lässt, die er 40, 50, auch 60 Jahre zuvor bereits niederschrieb oder sagte. Bei den Erinnerungen an sein eigenes Leben verlässt ihn jedoch sein phänomenales Gedächtnis. Nicht nur, weil immer wieder die Details aus seinem Leben abgefragt werden, die er zuvor schon berichtet hatte: Von sich aus erzählt er ebenfalls immer dieselben »Storys« über Familie, Kindheit, Jugend und junge Erwachsenenzeit. Wie sich zeigt, irrt er dabei oft, besonders bei Jahreszahlen. Beispielhaft steht dafür ein Satz aus seinen Erinnerungen über den Vater seiner Mutter. »1933 - so erinnere ich mich deutlich - hat meine Oma bei Hitlers Ermächtigungsgesetz gesagt: 'Welch Glück, dass Heinrich dies nicht mehr erleben musste!'«1 Der Großvater starb aber nicht 1932, wie der Enkel zu wissen meint, sondern nach der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes.
An anderer Stelle berichtet er, er habe 1937 ein Jahr früher als vorgesehen das Abitur machen müssen, weil Hitler Soldaten benötigte.2 Das sogenannte Notabitur, auf das er anspielte und das tatsächlich Abiturienten ein Jahr früher der Armee zuführen sollte, wurde aber erst während des Krieges eingeführt. Er und seine Klassenkameraden mussten das Abitur vorziehen, weil die Schule, die er besuchte, aufgelöst wurde.
Die sich an vielen Beispielen zeigende Ungenauigkeit hat möglicherweise einen einfachen Grund: Er weiß es nicht mehr. Denn liest man Schmidts Erinnerungen genauer, zeigt sich, dass er wesentliche Einzelheiten seiner Vergangenheit nicht mehr im Gedächtnis hat, sondern auf Schilderungen anderer über gemeinsam Erlebtes zurückgreift. Seine verstorbene Frau Loki wurde so - neben a
Inhalt
Vorwort
Teil 1: Herkunft und Kindheit
Familie
Volksheim
Staatsbürgerkunde
Ein Mann von Stand
Schule
Die "alte" Lichtwarkschule
Hitlerjugend
Widersprüche
Versionen
Teil 2: Unter Einfluss
Vorbilder
Reformarchitektur und Städtebau
Wehrdienst
Teil 3: Im Krieg
In der Etappe
An der Front
Frontlektüre
Zwischenzeit
Der "jüdische Großvater"
Teil 4: Schlussbetrachtungen: Der "Soldatenkanzler"
Anhang
Anmerkungen
Literaturverzeichnis