Silke Schütze lebt in Hamburg. Sie hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. 2008 wurde sie vom RBB und dem Literaturhaus Berlin mit dem renommierten Walter-Serner-Preis ausgezeichnet. Silke Schütze veröffentlichte bei dotbooks bereits die Romanbiographie »Die Sängerin von Berlin« (auch bekannt unter dem Titel »Henny Walden - Memoiren einer vergessenen Soubrette«) sowie - für alle Leser mit feinem Humor - die Familie-Hasemann-Abenteuer »Frau Hasemann feiert ein Fest«, »Herr Hasemann auf Wolke 7«, »Die Hasemanns auf großer Fahrt« und »Frau Hasemann findet das Glück«, die es auch in gesammelter Form gibt: »Eine Familie zum Verlieben«
Autorentext
Silke Schütze lebt in Hamburg. Sie hat zahlreiche Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht. 2008 wurde sie vom RBB und dem Literaturhaus Berlin mit dem renommierten Walter-Serner-Preis ausgezeichnet. Silke Schütze veröffentlichte bei dotbooks bereits die Romane »Links und rechts vom Glück« und »Schwimmende Väter«, die Romanbiographie »Die Sängerin von Berlin« (auch bekannt unter dem Titel »Henny Walden - Memoiren einer vergessenen Soubrette«) sowie - für alle Leser mit feinem Humor - die Familie-Hasemann-Abenteuer »Frau Hasemann feiert ein Fest«, »Herr Hasemann auf Wolke 7«, »Die Hasemanns auf großer Fahrt« und »Frau Hasemann findet das Glück«, die es auch in gesammelter Form gibt: »Eine Familie zum Verlieben«
Leseprobe
KAPITEL 1
Frau Hasemanns Welt geht unter - ein bisschen zumindest
Es ist der Tag vor Heiligabend. Frau Hasemann sucht gerade im Gewürzregal des Dorfladens nach getrocknetem Beifuß für die Füllung der Weihnachtsgans, als ihre Tochter Julia ihr den schwärzesten Tag der Adventszeit beschert.
»Mami«, ruft Julia durch das Telefon, das Frau Hasemann an ihr linkes Ohr presst, während sie mit der rechten Hand ungeduldig die Gläschen mit Oregano, Pfefferkörnern und Zimt beiseiteschiebt. »Mami, wir müssen über Heiligabend reden! Ich schaffe es einfach nicht - warum kommt ihr nicht einfach zu mir?«
In diesem Moment stürzt ein Gläschen mit Cayenne-Pfeffer vor Frau Hasemanns Nase aus dem Regal und zerbricht mit lautem Knall auf dem Steinfußboden.
30 peinliche Minuten später, nachdem der Pfeffer weggefegt ist und sich Frau Hasemann ungefähr eine halbe Million Mal bei der übellaunigen Aushilfskraft für ihre Ungeschicklichkeit entschuldigt hat - und nach einer ähnlichen Menge an Niesern, weil ihr der Pfeffer in die Nase gestiegen ist -, steht Frau Hasemann an ihrem Fahrrad und kämpft mit den Tränen.
»Sei nicht albern, du dumme Gans«, schimpft sie leise mit sich selbst. Sie weiß ja, dass gerade nicht die Welt untergeht. Höchstens ihre eigene.
Julia ist 22 Jahre alt, hat nach dem Abitur eine Schneiderlehre gemacht und arbeitet jetzt seit einem Jahr in Hamburg, anderthalb Autostunden von Kiekeby entfernt. Wobei es Frau Hasemann immer so vorkommt, als läge Hamburg auf einem anderen Stern in einer anderen Galaxie. Seit ihrem Umzug ist Julia nur zweimal nach Hause gekommen. Jedes Mal hat sie dann zehn Stunden am Stück geschlafen. Mittags ist sie wie ein ausgehungerter Wolf über das Essen hergefallen und hat den Rest des Tages auf dem Wohnzimmersofa gelümmelt und ihre alten DVDs angesehen.
Frau Hasemann hat derweil mit Herrn Hasemann am liebevoll gedeckten Kaffeetisch gesessen und sich gewundert. »Wie oft will sie diese Gilmore Girls noch gucken?«, hat sie ihm zugewispert. Eine komische Serie ist das. Zugegeben, das innige Verhältnis zwischen Mutter Lorelai und Tochter Rory gefällt ihr eigentlich ganz gut. So hat sie sich und Julia auch immer gesehen. Allerdings gibt es da auch noch die Mutter von Lorelai. Eine vollkommen überzogene Figur, findet Frau Hasemann. Wie die sich ständig in das Leben ihrer Tochter einmischt - schrecklich. »Ich bin sicher, sie kann jede Episode mitsprechen!«
Gerd Hasemann zuckte nur mit den Schultern. Dann bohrte er seine Kuchengabel in das Apfelkuchenstück vor ihm und tat das, was er in den letzten 30 Jahren zu einiger Perfektion gebracht hat: Er schweigt. Diese Taktik bewährt sich für den Elektro-Ingenieur immer wieder, bei seinen Vorgesetzten und der Gattin gleichermaßen.
Manchmal weiß Herr Hasemann nicht, was mit seiner Frau los ist. Erst jammert sie ständig, dass Julia nicht nach Hause kommt. Und wenn ihre Tochter da ist, scheint sie auch unzufrieden zu sein. Herr Hasemann ist eigentlich immer mit dem zufrieden, was ist. Deswegen fängt er auch mit Frau Hasemann keine große Diskussion an, lobt den Apfelkuchen und greift nach dem neuen Baumarktkatalog.
Frau Hasemann ist nicht glücklich darüber, dass Julia ausgerechnet nach Hamburg gegangen ist. So eine große Stadt! Ja, der Hafen ist schön und die Innenstadt mit den vielen teuren Geschäften auch - aber eben zu groß! Der Trubel macht Frau Hasemann nervös, und bei der Vorstellung, dort einen Parkplatz suchen zu müssen, bricht ihr der Schweiß aus. Aber vor allem: die Menschen! So viele von ihnen! »Da wohnen eins Komma sieben Millionen«, sagt Frau Hasemann Julia bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Ihre Stimme hat dabei stets einen vorwurfsvollen Ton, als wäre ihre Tochter persönlich für die globale Überbevölkerung verantwortlich. »Die zweitgrößte Stadt Deutschlands. Die Menschen kennen einander dort doch gar nicht! Gerade wieder habe ich gelesen, dass jemand w