Täglich werden Grenzen überwunden. Oft in unseren Köpfen vorhanden, die Überwindung meist ohne Gefahr; manchmal auch geboren aus der Lust an der Gefahr, geboren aus Adrenalin und Leidenschaft. In diesem Buch erlesen wir 81 Texte die sich mit dem Überwinden von Grenzen ganz anderer Art auseinandersetzen, auseinandersetzen müssen und mussten. Grenzen die der Verzweiflung entsprungen sind, Grenzen deren Überwindung meist nichts mit Eigenwillen und Selbstbestimmtheit zu tun haben. Die Sammlung der Texte berührt, entsetzt und verstört. Die Sammlung verstört vor allem unsere Welt der Egozentrik und der Überflüssigkeit. Hier zeigen authentische er- und gelebte Schreibwerke die Wichtigkeit des Tuns und die Notwendigkeit des Nicht-Wegschauens. Zäune und Mauern werden Verzweiflung nicht stoppen, wir brauchen dazu ein Konzept zur Entmachtung von Autokraten, von Herrschern deren Handeln sich nicht am Wohl von Menschen orientiert und ein Konzept von humanistisch gebildeten Staatenlenkern in den Zielstaaten der Gehenden. Wenn unser Tun einen kleinen Teil zur Erreichung dieser Ziele beitragen kann, haben wir das gedachte Ziel erreicht. Jedenfalls kann das geschriebene Wort dazu beitragen, ein geschriebenes Wort das freiem Geist und freiem Willen entspringt. Denn: Lesen bringt keine Welt in den Kopf lesen IST eine Welt im Kopf. Eine Welt die Verzweiflung zu Hoffnung macht.

Leseprobe

Die Jahre der Asche

Munir Alubaidi

Eine Hinrichtung ist nicht grausamer als Einzelhaft.

Die Einzelhaft ist viel grausamer als die Hinrichtung. Hinrichtung ist ein Moment, Einzelhaft ist Ewigkeit. Ich habe den Film "Papillon" gesehen, war aber nicht drin, ich war eher am Rand der Leidenschaft, ein Beobachter; da ich wusste, dass draußen eine parallele Welt existiert, eine echte Welt: heitere Tage, Sonne, Geselligkeit ... Alle diese Dinge hinderten mich wahrzunehmen, wie schrecklich das Leben in der Einzelzelle ist.

Als ich dieses Ereignis erlebte, als ich Zeit in Einzelhaft verbracht hatte, habe ich die Bedeutung von "Einzelhaft" real wahrgenommen.

Der Gefangene in Isolationshaft will Änderung haben, selbst wenn diese zum Tode führt. Er will ein Wort hören, ein Wort, um ihn fühlen zu lassen, dass er ein Mensch ist. Selbst wenn das Wort beleidigend ist.

"Endlich hörten sie auf, mich zu foltern. Nächte wie Blei sind schwer und grau vergangen. Jede Änderung ist willkommen. Egal, ob sie zur Exekution, zu anderem Gefängnis oder zur Freiheit führt!"

An einem Abend im August eines Jahres des vorigen Jahrhunderts sind Personen des Geheimdienstes zu meiner Einzelzelle gekommen, haben mir die Augen verbunden, Handfesseln angelegt und mich aus der Zelle heraus zu einem kleinen Lastwagen geführt. Zwei Personen haben mir geholfen, auf die Ladefläche des Lastwagens zu steigen. Jemand drückte meine Schultern herunter und schob mich auf einen Sitzplatz. Ich fühlte, dass ich nicht allein war. Im Gefängnis durften wir mit niemandem reden. Ich habe keine Stimme gehört. Trotzdem fühlte ich, dass andere Gefangene auch da waren.

Das Atmen und die Körperbewegungen waren hörbar. Riechbar waren auch die langen nicht gewaschenen Körper.

Da habe ich mich gefragt: "Ist Yousif gerade mit uns?"

Vor ein paar Monaten haben wir uns neben der Bagdad - Messe getroffen, Yousif, der Parteiorganisationsvorsitzende und ich. Nachdem das Treffen beendet war, gingen wir verschiedene Wege. Als ich einen kleinen Garten im Viertel Alyarmuk erreichte, wurde ich von 3 Personen angegriffen, gekidnappt und zu einem unbekannten Gebäude geführt. "Sie haben gewartet. bis sich unsere Wege getrennt hatten. Vielleicht wurde Yousif auch festgenommen, vielleicht sitzt er gerade neben mir."

Es war nicht so schrecklich damals, wie es jetzt scheint. Manchmal ist etwas zu erinnern schrecklicher, als es zu erleben. Ein Gefangener, der regelmäßig gefoltert und gedemütigt wird, befindet sich in einem Zustand, in dem seine Gedanken und Gefühle sehr chaotisch sind. Das führt dazu, dass es ihm egal ist, ob er lebt oder tot ist. Er will ein Ende seines Leidens erleben, egal welches. Er verliert die Fähigkeit, seine Situation zu bewerten oder seine Wünsche wahrzunehmen.

Das Auto bewegte sich. Am Anfang sah ich durch den Augenverband Lichter. Lichter unterschiedlicher Farben und Stärke blitzten entgegen der Fahrtrichtung. Je schneller das Auto fuhr, umso schneller flohen die Lichter. Sie haben meine Augen in mehrere horizontalen Schichten geschnitten. "Jetzt fahren wir schneller zu unseren Schicksalen!", habe ich mir gedacht. Dann, als die Lichter verschwunden waren, wusste ich, dass wir die Stadt Bagdad verlassen hatten. Als Versuch, unsere Richtung zu definieren, folgte ich meinen Vermutungen: oben, unten, starke oder milde Wendungen...

Nach einer Weile hüllten uns wieder Lichter ein. Wir hatten eine große Stadt erreicht. Das Auto wendete sich nach rechts und ich spürte einen leichten Anstieg. Es war eine Brücke. Dann ging es erst nach links, dann rechts und das Auto wurde langsamer. Es schien, als ob wir in ein Gebäude fahren würden. Ich fragte mich: "Sind wir im Geheimdiensthauptquartier in Baquba?" Die letzten Lichter waren die der Stadt Baquba. Der kurze An- und Abstieg bedeutete, dass wir über die Brücke, die zum Zentrum der Stadt führte, gefahren waren. Die

Titel
Grenzen überwinden
Untertitel
Textwerke zum Thema Flucht und Migration
EAN
9783991291015
Format
E-Book (epub)
Digitaler Kopierschutz
frei
Dateigrösse
7.52 MB
Features
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet