Einfach mal weg sein: Die Einladung, ein anderes Leben zu führen.
'Fünf Tagesmärsche vom nächsten Dorf entfernt, inmitten einer unendlich weiten Natur, habe ich mich sechs Monate lang bemüht, glücklich zu sein. Zwei Hunde, ein Holzofen, ein Fenster mit Blick auf den See genügen.' Sylvain Tessons Aufzeichnungen handeln vom Versuch, durch Weltabgeschiedenheit und Einsamkeit frei über die eigene Zeit verfügen zu können. 'Ein Buch von magnetischer Anziehungskraft' (Le Monde Des Livres), das in Frankreich Hunderttausende begeistert hat und international von Lesern und Kritik gefeiert wird.
Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, ist Schriftsteller, Filmemacher und Reisender. Er fuhr mit dem Fahrrad um die Welt und unternahm viele monatelange Expeditionen - durch den Himalaya, von Sibirien nach Indien zu Fuß und immer wieder nach Zentralasien. Für seine Reisebeschreibungen und Essays wurde er mit dem Prix Goncourt de la nouvelle und dem Prix Medicis ausgezeichnet. 'In den Wäldern Sibiriens' erhielt 2011 den Prix Médicis.
Vom Autor des Bestsellers »Der Schneeleopard«: Wie man in Weltabgeschiedenheit und Einsamkeit glücklich werden kann
»Ich hatte mir vorgenommen, vor meinem 40. Geburtstag als Eremit in den Wäldern zu leben, und zog für sechs Monate in eine Hütte am Ufer des Baikalsees. Das nächste Dorf 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstraßen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um die minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern. In dieser Wildnis mit nichts mehr als zwei Hunden, einem Holzofen und einem Fenster mit Blick auf den See schuf ich mir ein schlichtes und schönes Leben, ich machte die Erfahrung eines aus einfachen Handlungen bestehenden Daseins. Jeden Tag schrieb ich meine Gedanken in ein Heft. Dies ist das Tagebuch meines Einsiedlerlebens.«
Sylvain Tesson ist Gewinner des ITB BuchAward 2024 in der Kategorie »Lifetime Award« für sein bisheriges Werk, insbesondere für die Titel »In den Wäldern Sibiriens« und »Auf versunkenen Wegen«.
Für die Leser*innen von Jon Krakauers »In der Wildnis«
Autorentext
Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, ist Geograf, Schriftsteller, Filmemacher und ein großer Reisender. Er fuhr mit dem Fahrrad um die Welt und unternahm monatelange Expeditionen zu Fuß durch den Himalaja und von Sibirien nach Indien, auf dem Pferd durch die Steppen Zentralasiens, auf dem Motorrad von Moskau nach Paris, auf Skiern von Menton bis Triest über die gesamte Alpenkette. Seine Erlebnisse in sechs Monaten allein in einer Hütte am Baikalsee schildert er in seinem Buch »In den Wäldern Sibiriens«. In »Auf versunkenen Wegen«, das unter dem Titel »Auf dem Weg« verfilmt wurde, beschreibt er, wie er auf alten Pfaden und auf der Suche nach sich selbst das urtümliche Frankreich durchwanderte. Für seine Reisebeschreibungen und Essays wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Prix Goncourt de la nouvelle und dem Prix Médicis. »Die Säulen des Meeres« war in Frankreich ein Bestseller.
Leseprobe
Die Marke Heinz vermarktet etwa fünfzehn verschiedene Saucen. Der Supermarkt von Irkutsk führt sie alle, und ich kann mich nicht entscheiden. Ich habe schon sechs Einkaufswagen mit Nudeln und Tabasco beladen. Der blaue Lastwagen wartet auf mich. Mischa, der Fahrer, hat den Motor nicht abgestellt, draußen herrschen minus 32 Grad. Morgen verlassen wir Irkutsk. In drei Tagen werden wir die Blockhütte am Ostufer des Sees erreichen. Ich muss heute mit den Einkäufen fertig werden. Ich wähle die " Super Hot Tapas " aus dem Heinz-Sortiment. Ich nehme 18 Flaschen davon: pro Monat drei.
Fünfzehn Sorten Ketchup. Wegen solcher Dinge wollte ich dieser Welt den Rücken kehren.
9. Februar
Ich liege auf meinem Bett in Ninas Haus, in der Straße der Proletarier. Ich liebe die russischen Straßennamen. In den Dörfern findet man die " Straße der Arbeit " , die " Straße der Oktoberrevolution " , die " Straße der Partisanen " und manchmal eine " Straße des Enthusiasmus " , auf der graue alte Slawinnen träge ihrer Wege gehen.
Nina ist die beste Zimmerwirtin von Irkutsk. Früher war sie Pianistin und trat in den Konzertsälen der Sowjetunion auf. Jetzt führt sie eine Pension. Gestern hat sie mich gefragt: " Wer hätte gedacht, dass ich mich eines Tages in eine Pfannkuchenfabrik verwandeln würde? " Ninas Kater schnurrt auf meinem Bauch. Wenn ich ein Kater wäre, wüsste ich, auf welchem Bauch ich mich wärmen würde.
Ich stehe kurz vor der Erfüllung eines sieben Jahre alten Traumes. 2003 war ich zum ersten Mal am Baikalsee. Ich wanderte am Ufer entlang und entdeckte in regelmäßigen Abständen Blockhütten, bewohnt von seltsam glücklichen Einsiedlern. Die Vorstellung, mich unter dem Blätterdach der Hochwälder zu verkriechen, allein, in der Stille, setzte sich in mir fest. Sieben Jahre später bin ich nun hier.
Ich muss die Kraft finden, den Kater wegzustoßen. Aus dem Bett aufzustehen verlangt eine ungeheure Energie. Vor allem, um ein neues Leben zu beginnen. Dieser Drang kehrtzumachen, wenn das, was man ersehnt, zum Greifen nah ist. Manche Menschen machen im entscheidenden Moment eine Kehrtwende. Ich habe Angst, zu dieser Sorte zu gehören.
Mischas Lastwagen ist vollgepackt bis obenhin. Bis zum See sind es fünf Stunden Fahrt durch vereiste Steppen: eine Seefahrt durch Wellenberge und -täler einer versteinerten Dünung. Am Fuß der Hügel rauchen Dörfer, auf Untiefen gestrandete Schwaden. Angesichts solcher Bilder schrieb Malewitsch: " Wer je Sibirien durchquert hat, wird nie wieder nach Glück streben können. " Als wir die Kuppe eines Hügels erreichen, liegt der See plötzlich vor uns. Wir halten an, um zu trinken. Nach vier Gläsern Wodka die Frage: Durch welches Wunder schmiegt sich die Küstenlinie so vollkommen den Konturen des Wassers an?
Bringen wir die Zahlen hinter uns. Der Baikalsee, 700 Kilometer lang, 80 Kilometer breit und 1500 Meter tief. 25 Millionen Jahre alt. Im Winter eine Eisdicke von 110 Zentimetern. Der Sonne sind diese Zahlen egal. Sie ergießt ihre Liebe über die weiße Fläche. Die Wolken filtern die Strahlen, eine Herde Lichtflecken gleitet über den Schnee – die Wange der Leiche leuchtet auf.
Der Lastwagen fährt aufs Eis. Unter den Rädern, ein Kilometer Tiefe. Wenn wir in eine Spalte rutschen, wird das Fahrzeug in der Finsternis versinken. Die Körper werden still fallen. Langsamer Schnee der Ertrunkenen. Der See ist ein
'Fünf Tagesmärsche vom nächsten Dorf entfernt, inmitten einer unendlich weiten Natur, habe ich mich sechs Monate lang bemüht, glücklich zu sein. Zwei Hunde, ein Holzofen, ein Fenster mit Blick auf den See genügen.' Sylvain Tessons Aufzeichnungen handeln vom Versuch, durch Weltabgeschiedenheit und Einsamkeit frei über die eigene Zeit verfügen zu können. 'Ein Buch von magnetischer Anziehungskraft' (Le Monde Des Livres), das in Frankreich Hunderttausende begeistert hat und international von Lesern und Kritik gefeiert wird.
Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, ist Schriftsteller, Filmemacher und Reisender. Er fuhr mit dem Fahrrad um die Welt und unternahm viele monatelange Expeditionen - durch den Himalaya, von Sibirien nach Indien zu Fuß und immer wieder nach Zentralasien. Für seine Reisebeschreibungen und Essays wurde er mit dem Prix Goncourt de la nouvelle und dem Prix Medicis ausgezeichnet. 'In den Wäldern Sibiriens' erhielt 2011 den Prix Médicis.
Vom Autor des Bestsellers »Der Schneeleopard«: Wie man in Weltabgeschiedenheit und Einsamkeit glücklich werden kann
»Ich hatte mir vorgenommen, vor meinem 40. Geburtstag als Eremit in den Wäldern zu leben, und zog für sechs Monate in eine Hütte am Ufer des Baikalsees. Das nächste Dorf 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstraßen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um die minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern. In dieser Wildnis mit nichts mehr als zwei Hunden, einem Holzofen und einem Fenster mit Blick auf den See schuf ich mir ein schlichtes und schönes Leben, ich machte die Erfahrung eines aus einfachen Handlungen bestehenden Daseins. Jeden Tag schrieb ich meine Gedanken in ein Heft. Dies ist das Tagebuch meines Einsiedlerlebens.«
Sylvain Tesson ist Gewinner des ITB BuchAward 2024 in der Kategorie »Lifetime Award« für sein bisheriges Werk, insbesondere für die Titel »In den Wäldern Sibiriens« und »Auf versunkenen Wegen«.
Für die Leser*innen von Jon Krakauers »In der Wildnis«
Autorentext
Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, ist Geograf, Schriftsteller, Filmemacher und ein großer Reisender. Er fuhr mit dem Fahrrad um die Welt und unternahm monatelange Expeditionen zu Fuß durch den Himalaja und von Sibirien nach Indien, auf dem Pferd durch die Steppen Zentralasiens, auf dem Motorrad von Moskau nach Paris, auf Skiern von Menton bis Triest über die gesamte Alpenkette. Seine Erlebnisse in sechs Monaten allein in einer Hütte am Baikalsee schildert er in seinem Buch »In den Wäldern Sibiriens«. In »Auf versunkenen Wegen«, das unter dem Titel »Auf dem Weg« verfilmt wurde, beschreibt er, wie er auf alten Pfaden und auf der Suche nach sich selbst das urtümliche Frankreich durchwanderte. Für seine Reisebeschreibungen und Essays wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Prix Goncourt de la nouvelle und dem Prix Médicis. »Die Säulen des Meeres« war in Frankreich ein Bestseller.
Leseprobe
Die Marke Heinz vermarktet etwa fünfzehn verschiedene Saucen. Der Supermarkt von Irkutsk führt sie alle, und ich kann mich nicht entscheiden. Ich habe schon sechs Einkaufswagen mit Nudeln und Tabasco beladen. Der blaue Lastwagen wartet auf mich. Mischa, der Fahrer, hat den Motor nicht abgestellt, draußen herrschen minus 32 Grad. Morgen verlassen wir Irkutsk. In drei Tagen werden wir die Blockhütte am Ostufer des Sees erreichen. Ich muss heute mit den Einkäufen fertig werden. Ich wähle die " Super Hot Tapas " aus dem Heinz-Sortiment. Ich nehme 18 Flaschen davon: pro Monat drei.
Fünfzehn Sorten Ketchup. Wegen solcher Dinge wollte ich dieser Welt den Rücken kehren.
9. Februar
Ich liege auf meinem Bett in Ninas Haus, in der Straße der Proletarier. Ich liebe die russischen Straßennamen. In den Dörfern findet man die " Straße der Arbeit " , die " Straße der Oktoberrevolution " , die " Straße der Partisanen " und manchmal eine " Straße des Enthusiasmus " , auf der graue alte Slawinnen träge ihrer Wege gehen.
Nina ist die beste Zimmerwirtin von Irkutsk. Früher war sie Pianistin und trat in den Konzertsälen der Sowjetunion auf. Jetzt führt sie eine Pension. Gestern hat sie mich gefragt: " Wer hätte gedacht, dass ich mich eines Tages in eine Pfannkuchenfabrik verwandeln würde? " Ninas Kater schnurrt auf meinem Bauch. Wenn ich ein Kater wäre, wüsste ich, auf welchem Bauch ich mich wärmen würde.
Ich stehe kurz vor der Erfüllung eines sieben Jahre alten Traumes. 2003 war ich zum ersten Mal am Baikalsee. Ich wanderte am Ufer entlang und entdeckte in regelmäßigen Abständen Blockhütten, bewohnt von seltsam glücklichen Einsiedlern. Die Vorstellung, mich unter dem Blätterdach der Hochwälder zu verkriechen, allein, in der Stille, setzte sich in mir fest. Sieben Jahre später bin ich nun hier.
Ich muss die Kraft finden, den Kater wegzustoßen. Aus dem Bett aufzustehen verlangt eine ungeheure Energie. Vor allem, um ein neues Leben zu beginnen. Dieser Drang kehrtzumachen, wenn das, was man ersehnt, zum Greifen nah ist. Manche Menschen machen im entscheidenden Moment eine Kehrtwende. Ich habe Angst, zu dieser Sorte zu gehören.
Mischas Lastwagen ist vollgepackt bis obenhin. Bis zum See sind es fünf Stunden Fahrt durch vereiste Steppen: eine Seefahrt durch Wellenberge und -täler einer versteinerten Dünung. Am Fuß der Hügel rauchen Dörfer, auf Untiefen gestrandete Schwaden. Angesichts solcher Bilder schrieb Malewitsch: " Wer je Sibirien durchquert hat, wird nie wieder nach Glück streben können. " Als wir die Kuppe eines Hügels erreichen, liegt der See plötzlich vor uns. Wir halten an, um zu trinken. Nach vier Gläsern Wodka die Frage: Durch welches Wunder schmiegt sich die Küstenlinie so vollkommen den Konturen des Wassers an?
Bringen wir die Zahlen hinter uns. Der Baikalsee, 700 Kilometer lang, 80 Kilometer breit und 1500 Meter tief. 25 Millionen Jahre alt. Im Winter eine Eisdicke von 110 Zentimetern. Der Sonne sind diese Zahlen egal. Sie ergießt ihre Liebe über die weiße Fläche. Die Wolken filtern die Strahlen, eine Herde Lichtflecken gleitet über den Schnee – die Wange der Leiche leuchtet auf.
Der Lastwagen fährt aufs Eis. Unter den Rädern, ein Kilometer Tiefe. Wenn wir in eine Spalte rutschen, wird das Fahrzeug in der Finsternis versinken. Die Körper werden still fallen. Langsamer Schnee der Ertrunkenen. Der See ist ein
Titel
In den Wäldern Sibiriens
Untertitel
Tagebuch aus der Einsamkeit - Ausgezeichnet mit dem ITB BuchAward 2024
Autor
Übersetzer
EAN
9783641126001
Format
E-Book (epub)
Hersteller
Herausgeber
Genre
Digitaler Kopierschutz
Wasserzeichen
Dateigrösse
1.05 MB
Anzahl Seiten
272
Lesemotiv
Laden...
Unerwartete Verzögerung
Ups, ein Fehler ist aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.