Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm 'Die gefährliche Frau', 'Singvogel', der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman 'Eine kurze Geschichte vom Glück' und zuletzt 'Das innere Ausland'.
Vorwort
»Die Geschichte von Urs, Irene und Marie trifft den Ton einer Generation.« Süddeutsche Zeitung
Autorentext
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm "Die gefährliche Frau", "Singvogel", der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman "Eine kurze Geschichte vom Glück" und zuletzt "Das innere Ausland".
Leseprobe
ZWEI
Schade, daß ich sein Tagebuch nicht mehr lesen kann, dachte Irene, mein Bär ist irgendwie anders geworden. War was auf der Tournee? Hat er da was erlebt, das ihn stiller, souveräner und gelassener macht? Als er ankam aus Köln, war er wie aus dem Nest gefallen, und jetzt möchte ich manchmal meinen Kopf an seine Schulter lehnen.
Oder hatte sie sich selbst verändert? War sie vor lauter Buchhandlung stumpf geworden? Blind? Bemerkte sie nur seine Verlorenheit nicht mehr, oder war die wirklich verschwunden? Ein Segen jedenfalls, daß dieses Mädchen aufgetaucht war. Irgendwas hatte die an sich, daß es hell wurde in ihrer Umgebung. Genau das Richtige für uns. Ein Laden ist so gut, wie die Kunden in die Verkäuferin verliebt sind. Marie ging wunderbar mit ihnen um. Sensibel, geduldig, frech, wo es ankam und seriös, wo es sein mußte. Sie war perfekt. Wenn sie wieder eingearbeitet wäre, wieder auf dem neuesten Stand, dann würde sie Irene ebenbürtig sein. Eine Spitzenkraft.
Irene war allein. Nicht-Alfons war schon wieder bei Sylvie, Urs im Kino und Marie dabei, sich einzurichten. Das Ausziehsofa im Büro machte sich schon bezahlt. Sie schaltete den Fernseher ein und setzte sich mit ihren Ravioli davor. Tatorte vom Südwestfunk versäumte sie nie. Sie mochte die Kommissarin. Sie lächelte in sich hinein.
Vor einer Stunde hatte der Vertriebsleiter des Verlages angerufen, dessen Vertreter sie vor einem Monat rausgeworfen hatte. Er hatte sich entschuldigt und ihr erklärt, der Mann sei durcheinander, seit ihn seine Frau mit zwei Kindern verlassen habe, er sei sonst kein Schnösel, sie möge ihm doch bitte noch eine Chance geben. Auf der Frühjahrsreise. Was ihr daran so gefiel, war, daß der Verlag offenbar mit ihr rechnete, sie nicht als Quantite negligeable abtat. Es geht schon gut los, dachte sie zufrieden und stellte mit der Fernbedienung den Ton lauter, als Sabine Christiansen vom Bildschirm verschwand.
Ich bin ein Kindskopf und will nicht erwachsen werden, dachte Yogi und lehnte sich müde in seinen IntercitySitz zurück. Aber irgendwann demnächst mal muß ich s dann doch langsam einsehen. Es wird peinlich. Jeden Morgen find ich dreißig Haare im Waschbecken, jedes Jahr an meinem Geburtstag fahr ich ein Stückchen weiter weg ich bin erwachsen, ob s mir gefällt oder nicht. Ich lebe von einem Mietshaus, habe Geld auf der Bank, dieses Geld arbeitet irgendwo gegen Menschen, da kann ich meine Mieten noch so gering halten, kann eine Tannenschonung stiften, Hochsitze legen, Kornkreise walzen und Mercedessterne sammeln: Ich bin auf der falschen Seite gelandet. Kein Rinaldo Rinaldini. Und kein Robin Hood.
Gestern war er im Morgengrauen mit seinem Miniflugdrachen in der Nähe von Dresden aus einem Roggenfeld gestartet und hatte drei schöne Kreise zurückgelassen. Die Drachenmethode war die beste. Auch mit Stelzen hatte er schon ganz gute Ergebnisse erzielt, aber wenn man auf windige Nächte warten konnte, war der Drachen das Eleganteste. Perfekt.
Ein gutgekleideter, aber ramponiert aussehender alter Herr betrat das Abteil, setzte sich und zog ein kleines Schnapsfläschchen aus der Plastiktüte zwischen seinen Beinen. Er trank es in einem Zug leer, wischte sich den Mund, schraubte den Deckel auf das Fläschchen, betrachtete es unschlüssig und begann zu weinen. Er saß da mit entspanntem Gesicht, zurückgelehntem Kopf und geschlossenen Augen, aus denen zwei stetige Tränenbäche flossen und Flecken auf seinem Rollkragenpullover hinterließen.
»Was ist los?« fragte Yogi, aber der Mann winkte ab.
Hoffentlich schläft sie schon, dachte Urs, als er leise nach oben stieg und versuchte, die Treppe so zu belasten, daß die